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Wir verkaufen hier keine Limo am Bordstein! Über Standbeine

gepostet von: Ruth Frobeen | gepostet am: Februar 6th, 2015 | 7 Kommentare

Vor ein paar Tagen habe ich einen Tweet zum Thema Selbstständigkeit abgesetzt, der offensichtlich einigen Menschen aus der Seele gesprochen hat. Zumindest hat er auf verschiedenen Kanälen Gedanken und Gespräche ausgelöst, und eine Bloggerin hat den Tweet aufgegriffen und etwas zum Thema berufliche Standbeine geschrieben. Auslöser war folgender Gedanke: „Wer’s hören will: Nie auf 1 Standbein verlassen. 2 reichen auch nicht. Mindestens 3, damit man weitergehen kann, wenn eins wegbricht.“

StandbeineDamit meine ich natürlich nicht, dass ein Rechtsanwalt auch noch Florist sein sollte und außerdem Besitzer einer Pension. Ich meine vielmehr, dass es als Freiberufler und/oder Selbstständiger sinnvoll ist, wenn man sich nicht auf eine Tätigkeit beschränkt. Denn wenn es in dem Bereich Veränderungen gibt (Ogott, maschinelle Übersetzung?!), oder wenn man aus welchen Gründen auch immer in dem Beruf nicht mehr tätig sein kann, ist es wichtig, dass da noch etwas anderes ist, auf das man sich stützen kann. Mit „Standbein“ meine ich nicht Kunden. Aber am Anfang einer Selbstständigkeit kann man das vielleicht erstmal gleichsetzen. Ich bin schockiert, wie hoffnungslos romantisch und blauäugig einige Freiberufler ihre Selbstständigkeit sehen. „Ach, irgendwann werde ich schon entdeckt. Und dann, dann werde ich reich und berühmt!“  Was ist denn mit Absicherung? „Oooooch, wenn ich groß bin.“ Du bist 45. „Ja. Aber ich habe Akne!“ Das ist natürlich völlig überspitzt dargestellt, und wer sich dennoch ertappt fühlt, kann ja mal über weitere Standbeine nachdenken … Ich jedenfalls vertrete die Meinung, dass mehrere Standbeine (und natürlich viele tolle Kunden) deutlich sicherer tragen als nur eins.

Was könnten das für Standbeine sein?

Um sich ein zweites, drittes, viertes Standbein aufzubauen, muss man ja nicht weit weggehen von seiner Haupttätigkeit. Der Übersetzer baut sich einen Kundenstamm als Texter auf und schreibt außerdem noch ein paar Bücher, die er im Selbstverlag an den Mann bringt. Zack: drei Standbeine. Oder der Übersetzer wird Sprecher und bietet den Kunden gleich auch noch Voice-Over in mehreren Sprachen an. Zack: zwei Standbeine. Oder der Konditor backt nicht nur Torten, sondern vermietet auch Vintage-Geschirr. Außerdem verkauft er eigene Rezepte auf wunderschönen Postkarten (natürlich nur zum Kuchen dazu. Und selbstverständlich im Selbstverlag). Und so weiter und so fort.

Viele Freie fühlen sich so unglaublich unabhängig. Aber das sind wir nicht. Wenn niemand unsere Sachen haben will, stehen wir dumm da. Ich meine: Wir verkaufen keine Limo am Bordstein und gehen rein zu Mami, wenn’s regnet, oder??? Was kann man also machen, um sich Standbeine aufzubauen, die stabil sind und regelmäßig zum Einkommen beitragen? Ich habe mal meine ungeordneten Gedanken zusammengefasst.

Talente aufspüren! Zunächst einmal muss man sich klarmachen, was man eigentlich kann. Was sind deine Talente?? Und man sollte darüber nachdenken, was man eigentlich will. Was sind deine Wünsche und Leidenschaften?? Was man machen will, sollte man auch dann tun, wenn es nicht unmittelbar Geld ins Portemonnaie spült. Beispiel: Ich fotografiere seit einigen Monaten. Jetzt habe ich das erste Mal im Auftrag fotografiert. Ist das schon ein Standbein? Nein, sicher nicht. Aber wenn ich meine Leidenschaft nicht sichtbar mache, kann sie auch niemand wahrnehmen. Und was niemand sieht, kauft auch niemand. Logisch, oder?

Frage dich: Was sind Tätigkeiten, die deiner Haupttätigkeit ähnlich sind? Gibt es Überschneidungen bei deinen Kunden? Im Fall Übersetzer: Könnte die Werbeagentur vielleicht auch einen Übersetzer gebrauchen? Die Frage ist, wie man sich selbst aufstellt. Und wie man überzeugt. Denn ein „äh, ich übersetze auch“ reicht ja leider in der Regel nicht, um an Aufträge zu kommen. (Übrigens reicht es auch nicht, ein Übersetzer zu sein! Aber das ist ein anderes Thema.)

Augen auf! Wenn man weiß, was man kann und was man will, könnte man sich fragen: Was machen denn eigentlich die Leute, die ich toll finde? Und wie machen die das? Man kann sich vieles abgucken und für sich anpassen. Vielleicht sind Seminare nichts für dich, aber hast du nicht einen alten Bauernhof, der sich für Seminare bestens eignet? Oh, und Ponyreiten wollen die Leute übrigens auch. Vielleicht hast du kein eigenes Blog, um dich zu positionieren. Aber du könntest ja für andere Blogs schreiben – vielleicht sogar in einer anderen Sprache? Und so weiter und so fort. Übrigens finde ich es auch immer sinnvoll, wenn man sich überlegt, was man bei anderen NICHT so gelungen findet. Das sollte man dann tunlichste vermeiden. ;o)

Kreativ sein! Kommen wir zu meinem Lieblingsthema: Kreativität. Wer sich ein Standbein aufbauen will, muss nicht kreativ sein. Der kann auch einfach morgens im Supermarkt Regale einräumen. Wäre ein Standbein! Ich würde es eher als Nebenjob bezeichnen. Wer kreativ ist und aus dem Vollen schöpft, kann das nutzen, um sich ein Standbein aufzubauen. Bitte versteht aber, dass gehäkelte Blumentöpfe nicht viel Geld in die Kasse spülen. Es sei denn, man schreibt ein sehr erfolgreiches Buch darüber. Was ich sagen will: DIY ist bestimmt toll und entspannend. Wenn man damit aber Geld verdienen will (wir reden heute über Standbeine, die zum Einkommen beitragen!), muss man schon sehr krass drauf sein, erfolgreicher Strickdesigner werden und/oder Bestseller schreiben. (Oder ein sehr berühmter Sänger trägt deine Mütze und sie rennen dir die Bude ein. Das geht natürlich auch. Kommt nur leider sehr selten vor.)

Man muss nicht das Rad immer wieder neu erfinden. Es reicht, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und zu fragen: Was brauchen die Leute eigentlich? Und was brauche ICH? (Am besten ist man seine eigene Zielgruppe, dann kann man fast nichts falsch machen – es sei denn, man legt sich selbst rein). Wenn man herausgefunden hat, was die Leute brauchen, kann man Lösungen suchen. Das Schwierige ist dabei: Häufig wissen die Leute nicht, was sie brauchen! Oje, jetzt wird es kompliziert. Oder doch nicht? Du bist doch kreativ, wirf mal das Gedankenkarusell an und erörtere die Möglichkeiten! Oder frage jemanden, der dich bei der Ideenfindung unterstützt. Huhuuu! Ich biete mich gerne an. An Ideen soll es nicht mangeln.

Fragen stellen! Wer sich und anderen die richtigen Fragen stellt, kommt ein ganzes Stück weiter auf der Suche nach dem Standbein. Warum nicht einfach mal ganz offen und ehrlich fragen: Was nervt dich eigentlich im Alltag? Was stört dich bei der Arbeit? Und vor allem: Was wünschst du dir? Der Nachbar kriegt morgens vielleichts nichts runter und ist genervt, dass er sich jeden Tag beim Bäcker ein süßes Teilchen kauft? Tja… der hat wohl noch nichts von Frühglück gehört, das du gerade erfindest. Der Kunde braucht ganz dringend Geschenke für seine Belegschaft und ist total gestresst, weil er dafür keine Zeit hat? Der kennt wohl INGE nicht. Es gibt so viele Möglichkeiten, Lösungen anzubieten, die dankbar angenommen werden.

Einfach machen. Bevor es zu spät ist und das Leben rum ist: einfach mal aufstehen, umgucken und zupacken. Die Möglichkeiten liegen vielleicht nicht auf der Straße. Aber sie verstecken sich hinter Bäumen, unter Tischen und auf Dächern! Einfach machen klingt so einfach, ist aber verdammt schwer. Gerade deshalb sollte man es tun, denn es stärkt einen enorm. Und wenn dann ein Bein wegbricht, kann man trotzdem lässig weitergehen. Und zum Schluss noch eine Buchempfehlung: Work Is Not a Job von Catharina Bruns. Ihr Motto: „Was Arbeit ist, entscheidest du!“

Was sind deine Gedanken zum Thema Standbeine? Wie viele Standbeine hast du? :o)

Kommentare (7)


  1. Sandra Schuhmann -
    7. Februar 2015

    Vielen Dank für den tollen Artikel und die „andere“ Sichtweise. So befreiend. Ich habe zwei Standbeine mit je einer websites und versuche ständig mich für eines zu entscheiden, oder aus beiden eines zu machen, weil es ja so schön heißt: willst Du erfolgreich sein: begrenze Dich. Ich glaub ich denke jetzt mal drüber nach, was mein drittes Standbein werden könnte ;)Yep!
    LG Sandra

    • Ruth Frobeen -
      7. Februar 2015

      Liebe Sandra, danke für deinen Kommentar! Vielleicht findest du ja sogar eine Möglichkeit, alle Standbeine unter einen Hut zu kriegen (huch, was für ein unbeabsichtigt lustiges Bild!). Im November habe ich meine drei Websites über eine gemeinsame Landingpage verbunden. Ich finde das SUPER. So kommen viele meiner Bestandskunden endlich darauf, was ich sonst noch so mache! ;o)
      Ich wünsche dir viel Mut mit deinen Beinen. Zeig sie ruhig! Und schwing sie in alle Richtungen.
      LG Ruth

  2. Christian Schmid -
    7. Februar 2015

    Hallo Ruth! Ein sehr schöner Artikel, der gut beschreibt, wie es jedem Freiberufler geht, der sich bewusst macht, dass jeder Tag irgendwie auch ein Tag Null ist. Vor dem Auftrag ist nach dem Auftrag. Ich habe wohl auch mehrere Standbeine (Werbetext, Journalismus, „Guerilla“ SEO), ohne mich für diese bewusst entschieden zu haben. Es hat sich einfach so entwickelt, weil meine Interessen sich so entwickelt haben. Was die Kommunikation nach außen angeht, finde ich es allerdings hilfreich, die Positionierung eng zu halten. Multiple Dienstleistungen können einen Webauftritt verwässern. Ich bin ein großer Fan von Nischen, weil sie den Kommunikationskanal so schön schmal machen. Ich stimme dir zu, dass Fragen und Zuhören ein guter Weg sind, Kundenbedürfnisse zu erforschen. Und dann gilt: The sky is the limit!

    • Ruth Frobeen -
      7. Februar 2015

      Hallo Christian, vielen Dank, dass du deine Gedanken mit mir/uns teilst. Das mit dem Verwässern stimmt natürlich. Man muss sich gut überlegen, wie man sich aufstellt und in welcher Art man seine Standbeine zusammenführt. Aber ohne Strategie geht es schließlich nie! :) Und wer in allen Bereichen authentisch ist (das Wort ist leider ausgelutscht), wird sicher auch in allen Bereichen ernst genommen. Ich mache die Erfahrung, dass meine Kunden immer wieder positiv überrascht sind, wenn sie eine neue Seite an mir entdecken. „Oh, das wusste ich ja gar nicht! Das könnten wir auch gut gebrauchen…“ oder „Oh, Sie müssen unbedingt mein Märchen schreiben…“ bekomme ich immer häufiger zu hören. Ich möchte deshalb alle Freien/Selbstständigen ermutigen, sich von dem Gedanken zu lösen, dass sie sich auf einen Bereich einschießen müssen und am besten ständig irgendwelche neuen Zertifikate machen, nur um sich zu qualifizieren. Ich habe noch nie irgendwelche Zertifikate gebraucht, um mich und meine Arbeit zu verkaufen. Aber das ist wieder ein anderes Thema. ;)
      LG Ruth

  3. Beatrice Floh -
    10. Januar 2017

    Liebe Ruth, ein genialer Artikel – just, zur richtigen Zeit. Dein Gedanke „Viele Freie fühlen sich so unglaublich unabhängig. Aber das sind wir nicht. Wenn niemand unsere Sachen haben will, stehen wir dumm da.“ beschäftigt mich schon seit langem; vorallen Dingen, weil ich viel arbeite, aber noch immer nicht gut davon leben kann. Also aufstehen, umgucken und zupacken – wie Du so schön schreibst. Mal schauen, welche Standbeine da unter meinen Hut passen. Danke. Liebe Grüße aus Wien – hab ein frohes, bunt-blühendes, gesundes und erfolgreiches neues Jahr. Herzlichst Beatrice

    • Ruth Frobeen -
      10. Januar 2017

      Liebe Bea,
      ehrlich mit sich zu sein, ist dabei extrem wichtig. Träume kann man jagen, aber man muss auch den Kescher mitnehmen! ;o)

      Liebe Grüße
      Ruth

  4. Beatrice Floh -
    10. Januar 2017

    Der Link zu der anderen Bloggerin hat bei mir übrigens nicht funktioniert. Hab ihren Text nicht gefunden.