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Die Büroklammer, dein Märchenprinz. Kreative Prozesse beim Märchenschreiben

gepostet von: Ruth Frobeen | gepostet am: Januar 30th, 2014 | 1 Kommentare

„Fällt Ihnen eigentlich immer etwas ein?“ Diese Frage höre ich ziemlich häufig, wenn ich erzähle, dass ich Märchen für Pärchen schreibe. Natürlich fällt mir nicht immer sofort etwas ein. Aber ich nehme mir für die Märchen Zeit. Wer sein persönliches Märchen bei mir bestellt, hat in der Regel Verständnis dafür, dass eine Liebesgeschichte nicht über Nacht aus dem Hut gezaubert wird. Mir fällt immer etwas ein – ich muss nur lang genug in meiner Semantikwolke stöbern.

Heute möchte ich ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern und erzählen, wie ein individuelles Märchen entsteht und was meine Arbeits als Märchenschreiberin mit Büroklammern zu tun hat.

Märchen3

Ein Märchenauftrag beginnt in der Regel mit einer Anfrage per Mail oder Telefon. Beim ersten Kontakt stecken wir bereits ab, worum es grob gehen wird und für welchen Zweck ein Märchen gewünscht wird. Ich werde immer wieder aufs Neue überrascht, für was man ein Märchen gebrauchen kann! Zum Beispiel, um seine Frau ein zweites Mal zu heiraten. Oder um ein befreundetes Ehepaar mit Sketchen aus dem eigenen Leben zu überraschen. Als Eingangspsalm bei der kirchelichen Trauung. Als Heiratsantrag auf einer romantischen Burg. Um DANKE zu sagen. Um BITTE zu sagen. Für den ersten Geburtstag des Kleinen. Als Brief an das Ungeborene. Als Geschichte übers Loslassen. Und und und. Es fasziniert mich, was die Leute aus ihrem Rucksack des Lebens rausholen.

Wenn die Rahmenbedingungen abgesteckt sind, kommt die Märchenstunde, in der die Protagonisten (meist nur einer) ihr Herz öffnen und mir all das erzählen, was für ihre Geschichte von Bedeutung ist. Das können ganz banale Dinge sein – oder haarsträubende Anekdoten. Wenn die Märchenstunde um ist, beginnt der eigentliche kreative Prozess: Ich verarbeite meine Notizen zu einer Geschichte, die für die Protagonisten neu und doch nicht neu ist. Neu im Sinne von „so habe ich das noch nie gesehen“. Das Knifflige bei diesem Prozess ist, Bilder zu finden, die die Geschichte märchenhaft verfremden und gleichzeitig bestimmte Gefühle auslösen, die für den Zweck des Märchens passen. Ich glaube, mein Unterbewusstsein greift da auf den Fundus dessen zu, was ich mir im Laufe der Jahre so erlesen, erdacht und erfühlt habe. Aber bevor ich mich auf die Reise in die Fantasie mache, lege ich die Geschichte zunächst mit Büroklammern nach. Eine ganz klassische Aufstellung sozusagen. Und so wird dann die Büroklammer ganz einfach zum Märchenprinz. ;o)

Im Prinzip ist das Märchenschreiben ein klassischer Fall von kreativem Übersetzen nach Kussmaul und Hönig. Wobei kreatives Übersetzen natürlich nicht bedeutet, dass ich mir beim Schreiben irgendetwas ausdenke. Ich bewege mich gewissermaßen in Semantikwolken und schaue, was das Ausgangsmaterial (die Geschichte) hergibt und was für meine Leser passend ist – die in diesem Fall ein Märchen erwarten. Da wird beispielsweise eine L(i)ebenskrise in einen Sturm übersetzt, der übers Land jagt. Oder eine Krankheit in einen Fluch. Oder die Liebe in eine lichte Gestalt, die auf dem zugefrorenen Fluss steht und das Eis bricht. (Wen das Thema Semantik und kreatives Übersetzen brennend interessiert, ich habe meine Diplomarbeit darüber geschrieben.)

Manchmal sind die Bilder, in die ich übersetze, ganz eindeutig und sofort greifbar. Manchmal muss ich etwas länger in der Semantikwolke stöbern, bis sich mir das passende Bild erschließt. Ein hochkreativer und sehr spannender Prozess, der mich selbst immer wieder überrascht!

Bei aller Individualität der Märchen ist das angestrebte emotionale Ergebnis eine Überwältigung von der eigenen Geschichte. Das ist mein Ziel als Märchenschreiberin. Und das erreiche ich auch, immer.

Dieser Blogbeitrag ist mein Beitrag zur Blogparade von Nicole Gugger zum Thema „Kreativität für alle“

Kommentare (1)


  1. Pingback: Aufruf zur Blogparade “Kreativität für alle” | Nicole Gugger

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